Anlässlich seiner dritten jährlichen Mitgliederversammlung hat der Kunstverein soft power seine Mitglieder dazu eingeladen, Objekte aus ihren Privatsammlungen als Leihgaben für eine Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Bereits in der Einladung an die Mitglieder verdeutlicht sich der Anspruch, den soft power an dieses Projekt stellte: „Was Ihr als “Kunstwerk“, als ein Teil Eurer „Sammlung“ und als „ausstellungswürdig“ empfindet, bleibt dabei gänzlich Euch überlassen.” Die Geste der Zusammenstellung und Präsentation einer als Gesamtheit fiktiven Private Collection schließt sich an Diskurse über Wert, Urteilsmacht und Kanonbildung in der Kunst an. Im Spannungsfeld zwischen dem Kunstobjekt als kalkulierbare Wertkategorie und der Subjektivität seiner Betrachter*innen wird die Bildung eines “Kunstbegriffs” unweigerlich als Geschmacksfrage offenbart.
Als Kunstverein reiht sich soft power in die lange Tradition eines Institutionsmodells ein, welches das Potenzial birgt, als Forum der Selbstorganisation und Modell für eine Demokratisierung der zeitgenössischen Kulturproduktion zu agieren. Kunstvereine positionieren sich dabei – in privater Trägerschaft, oft zumindest teilweise finanziert durch ihre Mitglieder – gerne als relativ autonom von (kultur)politischen oder wirtschaftlichen Interessen, und damit in Abgrenzung zu öffentlichen Institutionen oder Kunstmarkt. Eine solche Positionierung setzte seit dem Entstehen dieser privaten Initiativen im frühen 19. Jahrhundert, ausgehend von Adel und Bildungsbürgertum, vor allem eines voraus: den Wohlstand ihrer Mitglieder.
In spielerischer Anlehnung an – und in Abgrenzung zu – dieser zutiefst bourgeoisen historischen Verortung des Modells „Kunstverein“ gibt soft power seinen Mitgliedern die Deutungshoheit, was die Öffentlichkeit, die ein Ausstellungsraum als institutionell legitimierender Rahmen produziert, erblicken soll. Als kollektive Sammlung anonymisiert, offenbart die Private Collection individuelle, rationale wie sentimentale, oft liebevolle und manchmal komplizierte Beziehungen zu Kunst und ihrem (Markt)Wert. Was wird auf einen Sockel gehoben, in einer Vitrine geschützt oder eingerahmt? Inwiefern generiert sich durch diese Geste der Hervorhebung allein schon der Wert des „Kunstobjekts“?
Mit dem Projekt setzt soft power den Ansatz fort, die jährliche Mitgliederversammlung (eine bürokratische Pflichtveranstaltung der Vereinskultur) in die künstlerische Programmgestaltung einzubinden. soft power will damit nicht nur produktiven Austausch unter den Mitgliedern schaffen, sondern den Kunstverein auch als öffentlichen Raum verstehen, in dem – nicht ohne Selbstkritik und -ironie – eine aktive, selbstorganisierte und kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst und den Bedingungen ihrer Produktion, Rezeption und Besitzverhältnisse stattfinden kann.