Plural Perspectives

Alice Creischer, Aykan Safoğlu, Edgar Calel, Jota Mombaça, Mukenge/Schellhammer

„Es gibt nichts Unsichtbareres als ein Monument” ist eines der wohl bekanntesten Zitate über Denkmäler des Schriftstellers und Philosophen Robert Musil. Plural Perspectives ist ein kollektiver künstlerischer Versuch, aktiv neue Gespräche mit Monumenten, Gebäuden oder Institutionen in der Stadt Berlin zu suchen und zu entwickeln, um über diese – fast alltäglichen – Konstrukte nachzudenken, die das tägliche Leben durchdringen. Ihre historischen Bedeutungsebenen, die oft übersehen werden und unhinterfragt bleiben, werden so in die Gegenwart getragen, um feste Vorstellungen von Identität zu sedimentieren.

Seit der Neuzeit und aufgrund von Schlüsselereignissen, wie etwa der Berliner Konferenz im Jahr 1884, kommt Berlin eine besondere Verantwortung in der Entfaltung des globalen kolonialen Projekts zu. Auch wenn viele der Gebäude, die in dieser sich entwickelnden globalen Dynamik eine zentrale Rolle spielten, während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurden, stehen viele andere noch. Unter Verwendung des Ortes als Bezugspunkt lädt Plural Perspectives Künstler*innen ein, sich mit solchen Punkten in der Stadt auseinanderzusetzen. In Verbindung mit dem Ort zielen die neuen Werke darauf ab, historische Schichten freizulegen, den Ton für ein weiteres Sediment an Bedeutung zu setzen und so die Versionen der Geschichte zu hinterfragen, die vom Staat – im Falle von öffentlichen Denkmälern, Straßen oder Einrichtungen – oder vom Kapitalismus – im Falle eines Gebäudes, das aufgrund seines kommerziellen Erfolgs Bestand hatte – gebilligt werden. Die sich daraus ergebenden „pluralen Perspektiven” gehen jeweils von dem Willen aus, global und lokal zu reflektieren; so hatten viele der lokalen Ereignisse, auf die sich diese Orte beziehen, in ihrer Geschichte oder Bedeutung transnationale Auswirkungen oder wurden durch transnationale Dynamiken beeinflusst.

In Krisenzeiten, in denen nostalgische Gefühle von faschistischen Gruppen ausgenutzt werden, setzen sich die künstlerischen Positionen jeweils und im Dialog miteinander kritisch mit einer globalisierten Welt auseinander, die angesichts der politischen Polarisierung immer noch und immer wieder Nationalismus und White Supremacy Identitätsprinzipien preist. Wie Antonio Gramsci über Zeiten reflektierte, in denen der Faschismus auf dem Vormarsch ist: „Die alte Welt stirbt, und die neue Welt kämpft darum, geboren zu werden. Jetzt ist die Zeit der Monster.” Plural Perspectives setzt sich mit einer solchen gegenwärtigen Zeit der Monster auseinander und stellt festgeschriebene Versionen von Geschichte in Frage, um neue Zukünfte entstehen zu lassen. Die von den Künstler*innen angestoßenen Gespräche fördern damit neue Sichtweisen, die institutionalisierte Diskurse und Geschichtsschreibung überschreiten, und schaffen Allianzen zwischen antifaschistischen Standpunkten, proletarischem Kampf und Identitätspolitik als Vorschlag, wie wir uns kritisch mit der Welt um uns herum auseinandersetzen können.

Text: Dereck Marouço Sant’Anna da Silva

Zeitraum
10.–25.6.2023
Kuratiert von
Dereck Marouço Sant'Anna da Silva
Gefördert von
Stiftung Kunstfonds NEUSTARTplus Plattformen der bildenden Kunst
Fördersumme
22.600 €
Arbeitszeitraum
1.1.–30.6.2023
Mit Dank an
Marisa Nest, Alex Naumann, Lukas Beischer, Elisa Bertuzzo, Beatrice von Bismarck, Saverio Cantoni, Marcel Dickhage, Ada Hennel, Thomas Kilpper, Wendelien van Oldenborgh, Doireann O’Malley, Cathleen Schuster, Andreas Siekmann, Minze Tummescheit
Fotos
Eike Walkenhorst (Stadtansichten), Studio Replica (Installationsansichten)