European Spirits

Filippo Vogliazzo

Mit Beiträgen von: Daniele Lucchini, Dylan Kerr, Lisa Holzer, Lugh O’Neill, Margarita Maximova, Marta De Pascalis, Miiel Ferráez + Clarer Winter und Nadia Marcus 


Als performatives Projekt und skulpturale Installation bewegt sich European Spirits im Spannungsfeld zwischen traditionellen gastronomischen Produkten und standardisierten Industrieobjekten; in der Diskrepanz zwischen marktorientierten Makro-Gemeinschaften wie der Europäischen Union und ihren widerständigen Mikro-Gemeinschaften. 

In der Europäischen Union ist die Lebensmittelproduktion an bestimmte Vorschriften gebunden. Die Standardisierung von Produktionsketten hat sich, obwohl sie vermeintlich auf Gerechtigkeit abzielt, als charakteristisches Instrument des Neoliberalismus erwiesen. Nach der Wirtschaftskrise von 2008 gerieten die so genannten PIIGS-Staaten (Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien) in eine tiefe wirtschaftliche Rezession, die durch die strengen Austeritätsgesetze der EU verursacht wurde: Viele Kleinerzeuger*innen traditioneller gastronomischer Produkte konnten sich die teuren Zertifizierungen für den Zugang zum offiziellen Markt nicht mehr leisten. Im Falle der Alkohol-Destillation wirkten sich die wirtschaftlichen Regelungen auf die Landwirt*innen aus, indem sie ihnen das Recht einräumten, traditionelle Spirituosen für den Eigenverbrauch zu produzieren, ihnen aber gleichzeitig untersagten, damit Gewinne zu erzielen. Dadurch waren sie gezwungen, sich auf ein Modell des dezentralen Vertriebs im Freund*innen- und Familienkreis zu verlassen, bei dem unbeschriftete wiederverwendete Plastikflaschen zu Trägern traditioneller Produkte wurden, die mit ihrer ursprünglichen Landschaft verbunden sind. Es entsteht eine seltsame Spannung zwischen Form und Inhalt, die zu einem Treffpunkt zwischen zwei Welten wird: Die Makro-Gemeinschaft, die sich durch wirtschaftliche Gesetze definiert, produziert Objekte, die wiederum von der Mikro-Gemeinschaft wiederverwendet werden, um deren Traditionen zu erhalten. Was sich in den letzten Jahrzehnten in Europa ereignet hat, ist ein Beispiel dafür, dass gastronomische Produkte nicht nur durch ihre Form, ihren Marktwert oder die Zusammensetzung ihrer Zutaten bestimmt werden, sondern auch durch die Art und Weise, wie sie in einem erweiterten Kontext funktionieren: Die Art und Weise, wie wir essen oder trinken, stellt sich als eine Gelegenheit zum Widerstand gegen die industrielle Standardisierung der kapitalistischen Produktion und gleichzeitig eine Möglichkeit dar, die Überreste industrieller Produktion wiederzuverwenden.

Als skulpturale Installation, die allmählich vom Publikum verzehrt wird, schafft European Spirits einen temporären gemeinsamen Raum rund um den Konsum von hausgemachten Spirituosen. Die Installation bietet dem Publikum eine Auswahl von mehreren Litern selbst gebrannter Spirituosen aus den sogenannten PIIGS Ländern in zahlreichen wiederverwendeten Plastikflaschen, die im Laufe der Zeit gesammelt wurden. Das 2021 von dem Künstler Filippo Vogliazzo initiierte Projekt zeichnet die jüngste Geschichte aus einer alternativen Perspektive nach – von den dramatischen Folgen der europäischen Sparpolitik bis hin zur veränderten Beziehung von Landwirt*innen und Kleingewerbler*innen zu ihren Landschaften. Viele der Liköre, die heute noch in der Grauzone zwischen einer zentralisierten Regierungsform und den „Vororten“ der Europäischen Union hergestellt werden, eröffnen die Möglichkeit, sich Themen wie Globalisierung und Tradition, alternativen Vertriebsmodellen und offiziellen Handelsmärkten zu nähern. Vom Poitín aus Irland bis zum Patxaran aus dem Baskenland wird hier die Herstellung und der Konsum von hausgemachten Spirituosen als eine kulturelle Praxis vorgestellt, die eng mit den Kämpfen um Identität und gegen den Imperialismus verwoben ist. Durch performative Interventionen mehrerer teilnehmender Künstler*innen lädt European Spirits das Publikum ein, ein Glas zu erheben und mit denjenigen anzustoßen, die gerade neben ihnen stehen, um gemeinsam kurz in der antiimperialistischen Seligkeit zu verweilen, die hausgemachte Spirituosen zu bieten haben.

Zeitraum
12.7.–14.7.2024
Gefördert von
aus Mitgliedsbeiträgen
Fördersumme
480,00
Arbeitszeitraum
17.1.–20.7.2024
Mit Dank an
die Mitglieder von soft power
Fotos
Denis Laner