Corpus Iuris Artis: II. The Hearing

Selin Davasse

„Das Gesetz ist ein Versprechen, das sich nur in Form einer Androhung selbst einhält.“ (Anne Boyer)

Basierend auf einem fiktiven Rechtssystem und dessen grundlegendem Strafgesetzbuch entfaltet sich Corpus Iuris Artis als Ausstellungs- und Performancezyklus, in dem Selin Davasse die repräsentativen Ansprüche und ethischen Haltungen der Kunstwelt hinterfragt, kodifiziert, institutionalisiert und vor Gericht stellt. Dieser Corpus verspricht ein Spektakel der Gerechtigkeit und droht, Scheinheiligkeiten und Widersprüche aufzudecken. In spielerischer Annäherung an Rechtsnormen, Instrumente und Verfahren, die Gerechtigkeit in der Kunstwelt schaffen könnten, spekuliert Davasse darüber, wie diese Werkzeuge und Prozesse in typischen professionellen Szenarien umgesetzt werden würden. Als Performerin und Repräsentantin übernimmt die Künstlerin die Rollen der verschiedenen beteiligten Parteien: Sie klagt an und wird angeklagt, sie sagt aus und über sie wird ausgesagt, sie urteilt und wird beurteilt. 

Selin Davasses Ausstellung Corpus Iuris Artis: II. The Hearing führt uns an den fiktiven „Gerichtshof für ethische Abrechnung in der Kunst“ – eine provisorisch errichtete Theaterbühne für eine Anhörung, Kulisse für ein Spektakel. In Anspielung auf den zutiefst performativen Charakter des Rechts und die Fragilität von Rechtssystemen spielt sich dieses Gerichtsdrama in einem Kartenhaus ab, das jeden Moment in sich zusammenfallen könnte. Anhand von Gerichtsvideos und -protokollen werden Delikte wie  „Betrügerisches und verwerfliches Opferverhalten“, „Vorsätzliche Verschleierung von Klassenprivilegien im Rahmen von Opferverhalten“ oder „Verschwörung zum performativen Allyship“ verhandelt. Hinter den Kulissen erleben wir in einem intimen und doch distanzierten Videoporträt die inneren Monologe, prägenden Erinnerungen, widersprüchlichen Glaubenssysteme, Prüfungen und Leiden einer Staatsanwältin. Beauftragt mit der Einhaltung des „Codex Iuris Artis – Statuten für spekulative und situative Ethik in der Kunstwelt”, besteht ihre Aufgabe nicht nur darin, ethische Doktrinen und berufliche Richtlinien durchzusetzen, sondern diese in all ihren Widersprüchen zu verkörpern. Zugleich Autoritätsfigur, Sündenbock und Opferlamm, wird die Staatsanwältin zum Symbol für die disziplinären Fantasien und Misserfolge der Kunstwelt. Sie ist eine Frau, die Regeln in eine Leere spricht, die nicht zuhört.

Konzipiert in drei Akten, werden die aufeinanderfolgenden Schritte dieses imaginären juristischen Verfahrens durchgespielt: Während in der Ausstellung Corpus Iuris Artis I: The Deposition (kuratiert von soft power bei Mouches Volantes, Köln, 28.6.–9.8.2025) Beweise für mutmaßliche Straftaten gesammelt wurden, wird mit Corpus Iuris Artis: II. The Hearing ein Gerichtsprozess inszeniert – zum ersten Mal präsentiert die Performancekünstlerin Davasse ihre Arbeit im Rahmen von Einzelausstellungen, in der neue, von soft power in Auftrag gegebenen Videoarbeiten gezeigt werden. Die abschließende Performance Corpus Iuris Artis: III. The Appeal findet in einem Berliner Gerichtssaal statt (präsentiert von Pickle Bar im Amtsgericht Mitte, 13.9.2025), wo die Verfahrensgerechtigkeit vergangener Prozesse diskutiert wird: Die letzte Gelegenheit für die Angeklagten, das Urteil anzufechten; das Einzige, was zwischen ihnen und ihrer Haftstrafe im „Reflective Institute for Art Professionals” steht – umgangssprachlich bekannt als ArtJail. 

Das Rechtswesen ist eine fragile Performance, es stützt sich auf Sprechakte: das Beschwören der Wahrheit, die Erzählung einer eigennützigen Version der Wahrheit, die Erfindung von Wahrheiten im Verlauf der Dinge; der Versuch, um jeden Preis zur Wahrheit zu gelangen. Corpus Iuris Artis beruht ebenfalls auf Sprechakten, sowohl wahrheitsgemäßen als auch falschen; sie werden in verschiedenen Räumen, sowohl juristischen als auch künstlerischen, vorgetragen und sowohl live als auch aufgezeichnet präsentiert. Mit satirischem Unterton nähert sich Corpus Iuris Artis den Mechanismen und Machtverhältnissen innerhalb der Kunstwelt und thematisiert Fragen der Verantwortlichkeit, Mitschuld und Wahrhaftigkeit. Kunstschaffende handeln durch ihre Arbeit und Selbstinszenierung mit Narrativen. Aber was veranlasst uns, die Wahrheit zu sagen? Welche Konsequenzen haben wir zu tragen, wenn wir sie verschweigen oder verzerren? Wir präsentieren uns als moralische Instanzen – aber würden unsere Geschichten standhalten, wenn wir wirklich als solche beurteilt würden? 

Jacques Derridas Reflexion über die Gründung und Funktionsweise von Institutionen, Declarations of Independence (1976), beginnt mit dem Satz: „Es ist besser, wenn Sie es gleich wissen: Ich werde mein Versprechen nicht halten.“ Ebenso drohen die hier gemachten Versprechen möglicherweise nicht eingehalten zu werden. Das endgültige Urteil bleibt dem Publikum überlassen.

Credits
Selin Davasse
Dura Lex, Sed Lex (The Law Is Harsh, But It Is The Law), 2025
Video, Farbe, Ton; 20 min. 
Art Direction: Daniel Hopp
Kamera & Schnitt: Kurt Heuvens
Hair & Make-up: Theo Schnürer

Selin Davasse
Res Ipsa Loquitor (The Thing Speaks for Itself), 2025
Video, Farbe; Dauer tbc
Videografie: Daniel Hopp
Set Design: Sonny Neigut & Jonas Maria Droste
Look: Haderlump
Hair & Make-up: Janette Peters


Als Teil von Berlin Art Week Featured 2025 in Kooperation mit
Corpus Iuris Artis: III. The Appeal
Präsentiert von Pickle Bar 
Performances am 13.9.2025, 19.00 & 20.00 
im Amtsgericht Mitte (Littenstraße 12–17, 10179 Berlin)
Registrierung via www.picklebar.berlin

Zeitraum
30.8.–14.9.2025
Ort
Teilestr. 11-13, 12099 Berlin (Hof 2, Aufgang C, 3. OG)
Gefördert von
Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt
Fördersumme
14.390€
Arbeitszeitraum
1.8.2024–1.11.2025
Mit Dank an
Berliner Kartonexpress, Herr Brüll, Eidotech GmbH, EXILE Gallery, David Fassnacht, Fabian Gawlik, Sebastian Hecht, Yiorgos Konstantoulakis, Kieran, Maldoror, Carolin Schnurrer & Robin Norris, Rafael Sergi, Wsiura Berlin
Fotos
George Nebieridze / Video stills courtesy Selin Davasse & soft power