Basierend auf einem fiktiven Rechtssystem und dessen grundlegendem Strafgesetzbuch entfaltet sich Corpus Iuris Artis als Ausstellungs- und Performancezyklus, in dem Selin Davasse eine neue Werkreihe präsentiert, die hinterfragt, kodifiziert, institutionalisiert und vor Gericht stellt, was heute eine ethische künstlerische oder kuratorische Praxis ausmacht. Dieses „Strafrecht“ für die Kunstwelt legt Verstöße unterschiedlichen Umfangs und Schweregrads sowie mögliche Verteidigungsstrategien dar. Auf humorvolle und selbstkritische Weise nähert sich das Projekt den Mechanismen und Machtverhältnissen innerhalb der Kunstwelt und thematisiert Fragen der sozialen Verantwortung, Rechenschaft und (Selbst-)Zensur – wobei es zugleich auf den performativen Charakter und die Fragilität von Rechtssystemen verweist. In spielerischer Annäherung an Rechtsnormen, Instrumente und Verfahren, die Gerechtigkeit in der Kunstwelt schaffen könnten, spekuliert Davasse darüber, wie diese Werkzeuge und Prozesse in typischen professionellen Szenarien umgesetzt werden würden. Indem die Künstlerin die Rollen der verschiedenen beteiligten Parteien einnimmt – Anklage und Verteidigung, Befragende und Zeugin, Jury und Richterin – fordert sie unsere jeweils eigene Position heraus; unsere Aufrichtigkeit und Wahrheitstreue, unsere Mitschuld und Verantwortung. Denn schließlich gilt: ignorantia iuris non excusat („Unkenntnis des Gesetzes entschuldigt nicht“).
Corpus Iuris Artis: I. The Deposition bei Mouches Volantes spielt den ersten Schritt dieses imaginären Rechtsprozesses durch: Ein vorgerichtliches Verfahren, in dem Beweise für mutmaßliche Straftaten wie „Betrügerisches und verwerfliches Virtue Signaling“ oder „Vorsätzliche und verwerfliche Tokenisierung“ gesammelt werden. In dieser rhetorischen Spiegelzelle werden Zeug*innen sowohl von der Anklage als auch von der Verteidigung befragt, die in drei Videoarbeiten und einer Performance gleichermaßen von Davasse verkörpert werden. Während sich der Begriff „Deposition“ auf Terminologie des US-amerikanischen Justizsystems bezieht – und dabei dessen notorischen Einfluss auf popkulturelle Adaptionen von „Gerichtsdramen“ kommentiert –, beschreibt die Deposition im erweiterten Sinne die Handlung, jemanden abzusetzen oder zu entthronen. Ein Hinweis auf die möglichen Folgen, die diese erste Befragungsrunde für die Angeklagten haben kann, wenn im weiteren Verlauf keine Schlichtung und keine Einigung über ein Geständnis erzielt werden kann.
Selin Davasses Ausstellung Corpus Iuris Artis: II. The Hearing eröffnet am 28.8.2025 bei soft power in Berlin und läuft bis zum 14.9.2025. Ihre Performance Corpus Iuris Artis: III. The Appeal wird im September 2025 mit Pickle Bar in Berlin im Rahmen der Berlin Art Week (10.–14.9.2025) präsentiert.
Im Rahmen der Ausstellung bei Mouches Volantes erscheint eine neue Edition:
Selin Davasse
Codex Iuris Artis § 213.2. DELIBERATE AND DEPRAVED TOKENIZATION
29,7 x 21 cm, Ed. von 20 + 2 AP