Changing Room

Anaïs Fontanges, Arash Nassiri, Ash Love, Kim Petras Paintings, Maggie Lee, Marius Meyer-Jens, Thomas Cap de Ville

Der Grenzzustand des Teenager-Daseins verweilt in einem Schlafzimmer. Hier manifestieren sich die Emotionen einer verwirrenden Zeit, die Herausbildung einer Identität. Ein Ort, an den wir später oft mit gemischten Gefühlen von Nostalgie und Erleichterung zurückdenken. Ein Ort, an dem sich unser soziales und politisches Wesen herausgebildet hat, eng verbunden mit unserem gesellschaftlichen Umfeld und der Bereitschaft zur Anpassung, oder vielmehr zur Rebellion dagegen. Die von Clémentine Proby und soft power kuratierte Gruppenausstellung Changing Room betrachtet das Jugendzimmer als einen Ort der Fragen und der Selbstreflexion, der Verwandlung und der Ungleichgewichte. Die Ausstellung vereint die Perspektiven verschiedener Künstler*innengenerationen (geboren zwischen 1978 und 2001) auf diesen Moment der Prägung und der Verletzlichkeit; auf die Verbindungen zwischen dem physischen und dem mentalen Raum, die das Teenagerzimmer verkörpert.

Teenager gestalten ihre Welt und ihre Kultur oft auf radikale Weise, während ihr Drang, sich abzuheben, paradoxerweise mit dem Wunsch einhergeht, „reinzupassen“. Die Viedos von Maggie Lee spiegeln die rebellische Tonalität von Jugendlichen wider und nehmen die Form von tagebuchartigen Collagen an, die ihre Jahre als junge Amerikanerin asiatischer Herkunft in den Vorstädten von New Jersey dokumentieren. Auf kleinen analogen Monitoren präsentiert, erinnern die vier Kurzfilme an Camcorder-Homevideos, aber auch an eine Gegenwart, die fragmentarisch in sozialen Medien dokumentiert und geteilt wird. Inspiriert von Lees Installation im Whitney Museum in New York – wo im Jahr 2016 ihre Videoarbeit Mommy (2012-2015) von einem personalisierten Familienaltar eingerahmt wurde, der in einem weißen Regal mit notorischem Wiedererkennbarkeitswert angeordnet war – reflektiert und hinterfragt das Ausstellungsdesign bei soft power die Idee einer „universellen“ Teenagererfahrung, indem es eine vertraute häusliche Umgebung mit den allgegenwärtigen „Billy“-Möbeln von IKEA nachstellt.

Die Regale fungieren in der Ausstellung wie standardisierte Altäre für kleine, sorgfältig aufbewahrte und verehrte Objekte. Wie soziale Medien (damals TumblR, heute TikTok) bieten sie ein Raster, das diese Lebensfragmente zu einem geordneten Mosaik zusammenfügt: Fanzines, Zeichnungen, Videos, die mit einem Gefühl der Dringlichkeit und einem Hauch von DIY produziert wurden. Das von Kim Petras Paintings für die Ausstellung produzierte Werktrio greift diesen Impuls auf. Ihre Skulpturen, die sich spielerisch an der Ikonografie des deutschen Transgender-Popstars Kim Petras orientieren (der das Kollektiv mit seinem Namen huldigt), stützen sich auf Fandom und Popkultur. Pendel, Würfel, Magic 8 Balls – die Suche nach Verbindung mit anderen, mit Idolen oder quasi-spirituellen Erfahrungen. Thomas Cap de Ville hat seit den 1990er Jahren mit viel Hingabe eine Sammlung persönlicher Erinnerungsstücke zusammengetragen, als habe er seinen unbeständigen Weg zum Erwachsensein festhalten wollen. Fotos, Flugblätter, Stoffe, Fragmente, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, collagiert er mit Text und stellt sie mit Schere und Klebeband zu handgefertigten Büchern zusammen, die eine religiöse Aura haben. Sie sind Relikte seiner Jugend und ein Zeugnis des Erwachsenwerdens als junger schwuler Mann in einem Jahrzehnt, das von AIDS und Tod geprägt war – aber auch von Freund*innenschaft, Liebe und einem unbändigen Gefühl von Freiheit.

In ähnlicher Weise hortet Anaïs Fontanges Bilder aus Werbung, Popkultur, Träumen, Gedanken und Gefühlen, die sie in ausdrucksstarken, von einer surrealistischen Bildsprache durchdrungenen Zeichnungen umsetzt. Einige sind gekritzelt, andere sorgfältig komponiert. Sie selbst und ihr eigener Körper sind immer wieder das Hauptthema ihrer Arbeiten, die von den toxischen und normativen Projektionen der Gesellschaft auf Weiblichkeit geprägt sind – und sich ihnen widersetzen. BE NICE (2025) ist ein Selbstporträt: Die Künstlerin ist nackt, ihr Bauchnabel ist mit einem Cannabisblatt gepierct. Die Komposition ist intim und performativ. Ein wörtlicher und symbolischer Akt der Nabelschau, der den narzisstischen und selbstbezogenen Prozess des Erwachsenwerdens einfängt. Der Titel der Ausstellung, Changing Room, spielt mit dieser Ambivalenz und beschwört gleichzeitig die Rituale des Shoppens und seine geschlechtsspezifischen Konnotationen herauf. Das Jugendzimmer funktioniert in ähnlicher Weise: ein Raum, um Dinge anzuprobieren, sich selbst im Spiegel zu betrachten, zu bewerten und zu verändern; ein Raum für Versuche, Fehler und Identitätserprobung. Wie die Adoleszenz kann auch das Jugendzimmer an sich als Schwelle verstanden werden. Arash Nassiris gespenstische Puppenhäuser scheinen auf seltsame Weise dieses Dazwischen zu verkörpern, das die Teenagerzeit charakterisiert – noch unschuldig und kindlich, aber verfolgt von der Standardisierung und Normativität, die das Erwachsensein abverlangt. Nassiris monochrome graue Häuser ähneln stereotypen westlichen Mittelklassehäusern, während Ladenschilder aus Teheran die Fassaden der Gebäude zieren und über Bildschirme im Miniaturformat flimmern. Jenseits des kindlichen Wunsches, „Traumhaus“ zu spielen, evoziert „Polly Pocket“ in dieser Rekontextualisierung ein Gefühl von nüchterner Melancholie.

Die Ausstellung reflektiert das Schlafzimmer als einen Raum, in dem das Selbst zwischen sehnsüchtigen Erwartungen und Lebensrealität entsteht; was und wem wir uns anpassen einerseits, und den Idealen, denen wir nacheifern andererseits. Dieses Zimmer ist sowohl eines der Tagträume als auch der Albträume. Marius Meyer-Jens hat in den letzten Jahren eine fortlaufende Serie von Malereien geschaffen, die Gebisse abbilden: ein wiederkehrender Traum, und tatsächlich ein wiederkehrendes Motiv in der Ausstellung. Während diese Bildausschnitte einige an die traumatische Erfahrung erinnern mögen, in einer schmerzhaft-verunsichernden Phase der Pubertät zum Kieferorthopäden geschickt zu werden, symbolisieren Träume von Zähnen oft Veränderung und persönliches Wachstum sowie Gefühle von Verlust, Vergänglichkeit oder das Bedürfnis nach Kontrolle im wachen Leben. Die hängende Skulptur von Ash Love reflektiert den Traumzustand als Moment der Formbarkeit und Verletzlichkeit. Sie vermittelt ein Gefühl der Unschuld und des Bedürfnisses nach Geborgenheit; den Versuch, einen sicheren Raum zu schaffen. Das Metallgitter, das aus einem ausrangierten, zu klein gewordenen, Einzelbettgestell besteht und mit Körper-„Dekorationen“ wie Piercings oder Haarspangen verziert ist, erinnert an einen Traumfänger, ein Haarsieb in der Dusche, eine Straßenrinne, oder einen Filter: Welche der Träume, die wir einst davon hatten, wer wir mal werden wollten, haben sich jemals außerhalb dieser vier Wände verwirklicht? Welchen Teil unseres jugendlichen Ichs würden wir gerne hinauslassen?


Text von Clémentine Proby & Linnéa Bake

Zeitraum
2.5.–25.5.2025
Kuratiert von
Clémentine Proby & soft power
Gefördert von
Bureau des arts visuels des Institut français Deutschland, die Kemmler Foundation [Kemmler Kemmler GmbH] und die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Fördersumme
8.000€
Arbeitszeitraum
1.8.2024–30.5.2025
Mit Dank an
Studio YK, Künstlerhaus Bethanien, Exo Exo, Edouard Montassut