All Muses are Dead

Donna Volta Newmen

Im Antiken Korinth kam eine junge Frau auf eine ziemlich gute Idee: Sie zeichnete das Schattenprofil ihres Lovers nach, das sie mithilfe einer Lichtquelle an die Wand geworfen hatte; als Andenken an den aufbrechenden Geliebten, der, wie die meisten Männer in mythologischen Erzählungen, wahrscheinlich ein Held auf Durchreise war. Je nach Überlieferung Dibutade oder Kore/Kora/Kallirhoe genannt, wird die Protagonistin beziehungsweise ihre Geschichte oft als Entstehungsmythos der Malerei oder der Zeichenkunst stilisiert. Von Kore geblieben sind romantisierte Darstellungen einer jungen Frau, die (oft in Anwesenheit eines ihre Hand führenden Cupido) ihren Liebhaber malt –ein Motiv, das im Laufe der neuzeitlichen Kunstgeschichte von zahlreichen Malern1 abgebildet wurde. Anstatt als erfinderische Urheberin in die Geschichte des westlichen Kunstbegriffs einzugehen, wurde Kore selbst zur Muse reduziert.

In ihrer Einzelausstellung All Muses are Dead stellt Donna Volta Newmen die komplexen Charaktere und verborgene Geschichten der Künstler*innen, Erfinder*innen, politischen Drahtzieher*innen und Mäzen*innen in den Mittelpunkt, die sich hinter den unzähligen, oft anonymen Frauenporträts der westlichen Kunstgeschichte und ihrer Institutionen verbergen. Die druckgrafischen Portraits Newmens beharren auf die Autor*innenschaft, Autonomie, (Selbst)Repräsentation und Subjektivität der dargestellten Personen. Newmens historischen, ihr persönlich bekannten oder auch fiktionalen Figuren sind störrisch, entziehen sich der vom male gaze geprägten Ideale von Schönheit und Anmut; sie zeigen sich rebellisch oder verletzlich, mal von Alter oder Erschöpfung gezeichnet, mal die eigene Erscheinung selbstbewusst zur Schau stellend. Die Individualität ihrer Subjekte wahrend bricht die Künstlerin dabei mit der für die Druckgrafik charakteristisch seriellen Sprache der Radierung – Strichätzungen, Aquatinta, Mezzotinto und Kaltnadel – durch den Einsatz malerischer Elemente der Monotypie. Es entstehen keine Auflagen, sondern Einzelwerke.

Die traditionelle Form der Druckkunst zählt seit 2018 zum immateriellen Weltkulturerbe. Dass es eine historisch männlich dominierte Praxis ist, wurde in der Vergangenheit gerne damit begründet, dass es ein physisch anspruchsvolles Handwerk sei sowie ein chemisches Wissen von Säuren voraussetze. So beobachtete Newmen in ihrer künstlerischen Forschung, dass die wenigen Frauen, die als Urheberinnen druckgrafischer Werke einen Platz im kunsthistorischen Kanon fanden, häufig Töchter von Druckmeistern waren. Ein Detail, das sowohl der Biografie Newmens verwandt ist, als auch der von Dibutade/Kore – deren zugeschriebener Name entweder von dem des Vaters, dem Künstler Butades, oder einfach von dem (alt)griechischen Wort Κόρη abgeleitet wurde, das nichts weiter bedeutet als „Mädchen“ oder „Tochter“.

Indem Donna Volta Newmen mit ihren neuen Arbeiten der Muse den Tod erklärt, schafft sie nicht nur kritische Bezüge auf (kunst)historisch weiblich zugeschriebene Rollenbilder, sondern verweist auch darauf, dass die jahrhundertelang etablierten Ausschlussmechanismen in Bezug auf die intersektionalen Kategorien von Geschlecht, Race, Sexualität und sozialer Klasse sich noch immer in der monetären und repräsentativen Gegenwart von Künstler*innen widerspiegeln, sie bleiben weiterhin im geschlechterspezifischen Vergleich unterbezahlt und institutionell unterrepräsentiert.2 All Muses are Dead zelebriert jene Persönlichkeiten, die aus der Kunsthistorie strukturell ausgeschlossen oder zur Muse reduziert wurden, und würdigt zugleich deren erfinderische Strategien: Von Kores Schattenzeichnung an der Wand zum charakteristischen Seitenblick weiblicher Portraits – eine Pose, die als devote Haltung gelesen werden mag, jedoch tatsächlich oft darauf zurückzuführen ist, dass Frauen lange nicht von Live-Modellen abzeichnen durften und ihren Blick stattdessen nach schräg unten in einen Spiegel richteten um sich selbst zu portraitieren.3 Dieser bombastic side eye4 ist in Newmens Portraits neben anderen mehr oder weniger subtil widerständigen Posen zu finden. Sie stehen als subversive und emanzipatorische Gesten für gesellschaftliche und politische Veränderungsprozesse ein, in historischen wie auch in zeitgenössischen Kontexten der Selbstdarstellung und -inszenierung.

Text: Linnéa Bake

1) Wikipedia stellt eine (unvollständige) Liste dieser Werke, oftmals unter dem Titel Die Erfindung der Malerei o.ä., zusammen. Von den 30 aufgelisteten Werken (1676–2008) wurden 6 von Frauen gemalt, davon sind 4 zeitgenössische Künstlerinnen.
2) Frauen stellen mit 70% die Mehrheit der Studierenden an Kunstakademien, sind jedoch sowohl vom Gender-Pay-Gap (30% im Jahr 2021 (Statistisches Bundesamt, 2022) – im Vergleich: der branchenübergreifende Gender-Pay-Gap lag 2021 bei 18%) als auch vom sogenannten Gender Show-Gap betroffen, der die Galerierepräsentation von Frauen sowie deren Präsenz in Ausstellungen oder auf Messen bewertet. Im Kontext historischer Sammlungen sind die geschlechterspezifischen Vergleichszahlen umso extremer. Etwa die Alte Nationalgalerie kommt in ihrer Sammlung auf max. 2% Künstlerinnenanteil. In der dort vor kurzem eröffneten Ausstellung Secessionen: Klimt, Liebermann, Stuck werden 220 Werke von Männern und 15 von Frauen gezeigt, wie unter anderen die Organisation fair share! auf Instagram publik machte.

3)vgl. Jennifer Higgie, The Mirror and the Palette: 500 Years of Women’s Self-Portraits (London: Weidenfeld & Nicolson, 2021)
4)Der Begriff bombastic side eye („bombastischer Seitenblick“) bezieht sich auf einen TikTok-Trend, in dem Nutzer*innen einen seitlichen Blick inszenieren, um Verachtung oder Missbilligung von Aussagen anderer zum Ausdruck zu bringen.

Zeitraum
20.7.–10.8.2023
Gefördert von
Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg – Dezentrale Kulturarbeit
Arbeitszeitraum
1.6.–18.8.2023
Mit Dank an
Thomas Merkel, Austin Redman, Barbara Fellmann, Josefine Leonhardt-Laurent, Martino Semenzato, Silviu Guiman, Werkstatthaus Stuttgart, Druckwerkstatt Kunstquartier-Bethanien, Frameworks, Glaserei Hadzic, 44INCH Printworks
Fotos
Silviu Guiman – Büro für Kunstdokumentation